Szenenwechsel und Weihnachten mit Pelikanen

An dem verschlafenen Grenzübergang in Tecate geht es locker und fast familiär zu. Es gibt keinerlei Formalitäten auf der amerikanischen Seite, man muss nur durch den mexikanischen Teil. Dort inspiziert ein Grenzbeamter oberflächlich unser Auto und dann werden wir durchgewunken und sind in Mexiko.

Da wir uns vorher gut informiert haben, wissen wir, dass dies ein Scheinerfolg ist, denn wir brauchen sowohl ein Visum als auch eine temporäre Einfuhrgenehmigung für unser Auto, sonst gibt es später Probleme. Das muss man aber wissen…

Ich möchte niemanden mit den Details langweilen, aber das Prozedere ist etwas umständlich und mit einigem Hin und Her verbunden. Alle Beamten, mit denen wir zu tun hatten, waren sehr freundlich und hilfsbereit. Nach 1,5 Stunden hatten wir alle notwendigen Papiere und Stempel. Unser Toyota darf 10 Jahre im Land bleiben, wir 6 Monate.

Tecate - unser Tor nach Mexiko
Tecate – unser Tor nach Mexiko

Dann geht es schnurstracks Richtung Ensenada am Pazifik. Die Strasse führt durch das Guadelupe Valle, in dem sich viele mexikanische Weinbauern angesiedelt haben und wo es wohl sehr guten Wein geben soll. Aber wir wollen ja ans Meer, um auszuspannen. In Ensenada sind wir schon bei der Durchfahrt etwas ernüchtert. Die Hauptstrasse ist mit riesigen Schlaglöchern durchsetzt, wo ich selbst mit unserem Truck aufpassen muss. Die Bebauung entlang der Strasse erinnert stark an Südamerika, der Verkehr ist chaotisch. Zumindest wird an roten Ampeln angehalten. Hier hat es wohl kürzlich brachial geregnet, denn die Strasse zum Campingplatz ist immer wieder mit Schlamm und Kies überspült worden, die Stellen können nur langsam überquert werden. Ganz allgemein sieht es aus wie nach einem schweren Sturm.

Viel Verkehr in Ensenada
Viel Verkehr in Ensenada
Nach der Flut...
Nach der Flut…
Schwierige Zufahrt selbst zur Polizeistation ;-)
Schwierige Zufahrt selbst zur Polizeistation 😉

Auch unser Campingplatz, La Jolla Beach, der 19 USD pro Nacht kostet (!), ist vom Unwetter stark gebeutelt, es riecht streng nach Problemen mit der Kanalisation und die Wege im Camp sind schlammig. Die Sanitätaranlagen sind bescheiden und wir sind allein auf dem Platz. Von wegen sanftem Einstieg nach Mexiko. Schon erst mal ein kleiner Schock.
Am nächsten Morgen, nach einer geruhsamen Nacht, und bei wolkenlosem Himmel, sieht die Welt schon freundlicher aus. WIR SIND IN MEXIKO !!!

Riesiger Strand mit heißen Quellen
Riesiger Strand mit heißen Quellen

Wir frühstücken zum ersten Mal seit langem wieder mal draußen und schauen dabei aufs ruhige Meer hinaus. Der Strand ist voller Möwen und Strandläufer und draußen jagen die Pelikane, indem sie an der riesigen Bucht entlang fliegen und immer wieder mal unvermittelt abdrehen und aus 5 bis 10m Höhe wie ein Pfeil ins Meer hinab stoßen.
Das Ganze während Anna zuhause zur gleichen Zeit unsere Nachbarn im Zuge unseres Adventsfensterls mit Glühwein bewirtet…
Am zweiten Tag ziehen neben uns ein amerikanisches Paar ein, das in Idaho selbst einen Campingplatz betreibt und im Winter viel Zeit hat. Die beiden fahren seit vielen Jahren auf die Baja und so bekommen wir von Jeff noch diverse Tips.

Wir bleiben 3 Nächte, dann geht es nach diversen Recherchen hinüber nach San Felipe auf der Ostseite der Baja an den Golfo de California. In Ensenada besorgen wir uns Wasser (Aqua Purificada – kauft man bei entsprechenden Geschäften, die auch Eisblöcke verkaufen), Lebensmittel, Diesel und Material, um ein paar Wehwehchen in der Kabine zu Beheben. Darüber wird es aber bereits Nachmittag und wir fahren nur noch etwa 50 km auf der Mex 3 nach Osten, wo wir kurz vor Ojos Negros unsere erste Militärkontrolle passieren. In Ojos Negros, einem heruntergekommenen kleinen Ort in dem alle Geschäfte und sogar die Schule komplett vergittert sind, gibt es einen Campground, auf dem wir übernachten wollen. Leider ist dieser saisonbedingt schon zu. Da es aber schon später Nachmittag ist, nisten wir uns trotzdem auf dem Campground-Gelände ein. Mal sehen ob jemand kommt, um zu kassieren.
Nun es kommt niemand um zu kassieren, dafür ist in der Nacht um uns rum ein ziemliches Ramba Zamba. Von laut streitenden Paaren über Feuerwerkskörper abbrennen (oder waren es doch Schüsse?) bis hin zu Hundegebell und lauten Autos ist in dieser Nacht alles dabei.
Nach einer unruhigen Nacht fahren wir am morgen weiter durch die kargen Berge der Sierra de San Pedro Martir (hier ist der höchste Gipfel der Baja mit über 3.000m!) nach San Felipe. Die Landschaft nach dem höchsten Pass wieder hinunter ans Meer bleibt karg, wird aber abwechslungsreich und interessant. Als wir einmal anhalten, habe ich das Gefühl, wir stehen in einem botanischen Kakteen-Garten.

Kakteenvielfalt am Strassenrand
Kakteenvielfalt am Strassenrand

Wir passieren nochmal eine Militärkontrolle und diesmal wird unsere Kabine durchsucht, offiziell nach Waffen und Drogen. Aber alles nur oberflächlich und höflich. Die Fahrzeuge von Einheimischen werden da durchaus härter rangenommen. Kurz vor San Felipe biegen wir auf eine Strasse zum Strand ab, zu Pete‘s Camp. Die Anlage sieht sehr gepflegt und nett aus und so mieten wir uns zunächst für drei Nächte ein. Am Strand entlang gibt es Plätze mit Palapas, die Schatten spenden. Wir suchen uns einen Platz ganz vorn am Strand und ich installiere unsere Hängematte. Postkartenmäßig.

Sehr gepflegt - Pete's Place
Sehr gepflegt – Pete’s Place
Wie im Bilderbuch
Wie im Bilderbuch
Morgenstimmung
Morgenstimmung

Am gleichen Tag kommen noch zwei Fahrzeuge an, ein Camper vom deutschen Hersteller Pössl, basierend auf einem Ducato Kastenwagen der Tim 1 gehört (einem Deutschamerikaner, der mit seinem betagten Hund Inky reist) und ein Jeep mit kleinem Offroad-Wohnanhänger von Tim 2 (einem Amerikaner aus Tennesse).
Tim 1 reist seit 5 Jahren mit seinem Ducato erst durch Europa und dann durch die USA. Er hat viele Jahre in Brasilien gelebt, in Deutschland, in Italien, etc.
Tim 2 arbeitet bei GM und verbringt seinen Urlaub auf der Baja. Wieder gibt es viel zu erzählen und wir erhalten viele Tips, da sich beide auf der Baja gut auskennen.

Nach drei Nächten machen wir uns wieder auf den Weg nach Süden, wo es noch schöner und hoffentlich wärmer sein soll. Nachdem wir unsere Vorräte aufgefüllt haben geht es am frühen Nachmittag weiter auf der Mex 5. Die Strasse ist zunächst durchwachsen, schöne Teile wechseln sich mit Schlagloch-Abschnitten ab, wobei das Wort Schlagloch hier als verharmlosend gelten kann. Dazwischen fehlt einige Male ein Streifen Teer. Zweimal bin ich an der „Abrisskante“ zu schnell und befürchte beide Male den Verlust unserer Hinterachse. Die hält gottseidank, aber die Geschirrschublade muss (wieder mal) dran glauben. Dann wird es richtig grob. Wir erreichen eine Baustelle und werden auf eine ziemlich desaströse Umfahrung geführt. Die Baustelle ist letztlich etwa 20km lang, teilweise geht es nur im Schrittempo voran. Gelegentlich kommen uns hier sogar Lastzüge entgegen! Am Ende der Baustelle kommt uns Bryan mit seinem alten 4×4 Bedford Kastenwagen entgegen. Wir halten beide und es entspannt sich ein nettes Gespräch. Bryan kommt aus Colorado und weil sein Vehikel Motorprobleme hat, muss er zurück in die USA. Das Gespräch findet mitten auf dem Mex 5 „Highway“ statt, auf dem wir einfach nebeneinander stehen bleiben. Eine Fahrspur zum Vorbeifahren bleibt und so regt sich niemand in den drei Fahrzeugen auf, die während dieser Zeit vorbeikommen. Da wir deutlich langsamer vorankommen als erwartet übernachten wir notgedrungen in Puertecitos, einem scheinbar verlassenen, verwarlost aussehenden Ort in einer Bucht, auf einem netten Campground, auf dem ein Angestellter ausharrt. Wir sind die einzigen Gäste. Extra für uns wird abends der Generator angeworfen um den Platz zu beleuchten.
Am nächsten Tag geht es weiter und wir kommen auf einen Teil der Strasse, der offensichtlich vor einigen Jahren neu gebaut wurde. Allerdings hat es die an sich sehr schöne Strasse bei einem Taifun vor mehr als einem Monat schwer erwischt. Immer wieder müssen wir eingebrochene bzw. weggeschwemmte Teile der Strasse umfahren. Hier haben sich große Wassermassen Bahn gebrochen. Solche Strassenschäden sieht man sonst nur in Berichten von Erdbeben. Voll krass!

Vorsicht, schlecht markiertes Schlagloch!
Vorsicht, schlecht markiertes Schlagloch!
Vorsicht, großes Schlagloch!
Vorsicht, großes Schlagloch!
Die Zerstörungen sind beträchtlich
Die Zerstörungen sind beträchtlich
Das kann dauern...
Das kann dauern…
Hier war eine Brücke
Hier war eine Brücke

Andrerseits führt die Strasse durch tolle Botanik. Ganze Felder bedeckt mit blau blühenden Büschen werden abgelöst von Feldern mit gelb blühenden Büschen. Vorherrschend sind große, buschähnliche Pfanzen, die wie dünnarmige Kakteen aussehen, die aber keine sind. Sieht sehr fremdartig und wunderschön aus. Abgelöst werden diese durch die klassischen mexikanischen Kakteen aus dem Bilderbuch.

Klassiker...
Klassiker…

Nach nur ca. 70 km, kurz vor die Mex 5 wieder ins Landesinnere abbiegt, fahren wir von der Strasse ab zum sehr einfachen Campground von Papa Fernandez. Dort suchen wir uns einen schönen Platz am Ende des Strandes und lecken unsere Wunden. Ausser uns gibt es nur noch 2 Gäste, zwei Amerikaner, die zum Fischen hier sind. Wir haben inzwischen auf die harte Tour gelernt, dass man bei der Planung seiner Tagesstrecken hier andere Maßstäbe anlegen muss. 😉
Da es in der Bucht hier sehr schön ist, bleiben wir gleich 2 Nächte, haben dadurch Zeit für eine Erkundung der Bucht, ratschen mit den Fischern und ich baue ein echt cooles Stoamandl. Das kostet mich viel Zeit und etwa 3 bis 4 Versuche, das Ergebnis kann sich sehen lassen. Am Nachmittag zieht eine Gruppe von 8 Delphinen auf der Jagd etwa 50 m vom Ufer die ganze Bucht entlang und wieder zurück. Monika findet eine riesige, bewohnte Muschel am Strand (ca 1 kg!) und trägt sie zurück ins Meer. Ein Fischtrawler zieht weit draussen sein Netz vorbei, verfolgt von Hunderten von Möwen. Verteilt in der Bucht jagen Pelikane und Kormorane. Auch ein Kojote schaut mal bei uns vorbei. Traumhaft.

Bucht bei Papa Fernandez
Bucht bei Papa Fernandez
Verwitterter Sandstein am Ende der Bucht
Verwitterter Sandstein am Ende der Bucht
Delphine auf der Jagd
Delphine auf der Jagd
Der Künstler und sein Werk
Der Künstler und sein Werk

Nächstes Ziel ist die Bahia de los Angeles, etwas weiter im Süden. Gleich nach dem Losfahren kommen wir nochmal durch eine Militärkontrolle, wo die Jungs (es sind immer ganz junge Wehrdienstleistende) Fußball spielen und das Auto nur oberflächlich checken.

Die letzten 35km zurück zur Mex 1 sind Schotterpiste. Mittendrin besuchen wir eine Baja-Legende. Coco, an beiden Beinen amputiert, wohnt seit 35 Jahren im Nirgendwo der Wüste in Coco‘s Place. Er hat eine urige, sehr einfache Hütte in der er Cola, Bier und Kaffee verkauft. Er war irgendwann mal Rennfahrer und die berühmte Baja Wüstenrallye kommt jedes Jahr an seinem Haus vorbei. Seine skurrile Trophäenschau umfasst u.a. Heiligenbilder, viele Fotos aus seinen wilden (Rallye-)Jahren und Damenunterwäsche mit den Widmungen seiner Verehrerinnen. Eine interessante Mischung, würde ich sagen. Wir trinken etwas, machen Smalltalk und tragen uns, ein Muss, in sein Besucherbuch ein. Angeblich hat er etwa 85.000 Einträge in seinen verschiedenen Büchern. Eine echte Legende eben…

Schotter am Ende der Mex 5
Schotter am Ende der Mex 5
Coco's Place
Coco’s Place
Freiluftkino nach Coco Art
Freiluftkino nach Coco Art
Coco
Coco
Trophäen ...
Trophäen …

Nach weiteren 15 km sind wir zurück auf der Mex 1. Diese ist, wenn auch schmal, in ziemlich gutem Zustand und so sind wir im Nu an unserem heutigen Ziel. Unterwegs müssen wir nur einige Male kurz wegen der wunderschönen, großen Kakteen anhalten, die den Weg säumen.

... wunderschön
… wunderschön

Wir enden im Campground Archelon und bekommen einen schönen Platz direkt am Meer. Vorher linkt mich eine alte Vettel an einer Tankstelle im Ort mit dem ältesten Trick für dumme Touristen: sie stellt vor dem Tanken das Zählwerk der Zapfsäule einfach nicht auf Null zurück. 🙁 Ich Depp.
Der Campground von Antonio hat sich dem Umweltschutz verschrieben, hier wird viel mit Solarenergie gearbeitet und es gibt eine detaillierte Mülltrennung !! Die Einrichtungen sind liebevoll und hemdsärmlig gebaut und sehr sauber und gepflegt. Jeden Morgen frühstücken wir vor dem Camper und sehen u.a. Pelikanen, Kormoranen und Reihern bei der Jagd zu. Die Pelikane stürzen sich teilweise direkt vor unseren Augen ins Meer. Das sieht immer irgendwie ungelenk aus und man hofft, die lieben Tiere verletzen sich nicht. Tun sie auch nicht. Neben uns wohnt Bob mit seiner Frau Cindy, beide aus B.C. in Kanada. Bob fährt jeden morgen mit seinem Kajak zum Fischen raus. Heute hat er 5 Rockfische gefangen, was uns für heute abend eine Einladung zum Fischfilet eingetragen hat. Mhmm, wir freuen uns schon…

Am Strand
Am Strand
Jagende Pelikane
Jagende Pelikane
Bob und sein Fischtrawler
Bob und sein Fischtrawler

Immer am Nachmittag kommt ein kühler Nordwind und obwohl der Platz sehr idyllisch ist werden wir morgen weiter nach Süden fahren, um es an Weihnachten noch etwas wärmer zu haben.

Apropos Weihnachten: da wir uns vorher an dieser Stelle wohl nicht mehr melden werden, möchten wir all unseren geneigten Lesern schon mal frohe Weihnachten, besinnliche, friedliche Festtage und einen guten Rutsch wünschen!

2 Antworten auf „Szenenwechsel und Weihnachten mit Pelikanen“

  1. Liebe Monika, lieber Georg
    Wir wuenschen euch ein ruhiges, erholsames Weihnachtsfest unter der Sonne Mexico’s & natuerlich einen „guten Rutsch“ ( vorbei an den diversen Schlaglöchern, ob groß, klein, lang oder auch tief ).
    Wir sitzen jetzt im verschneiten Leogang und lesen, wie immer, sehr interessiert und gespannt eure eindrucksvollen Berichte.
    Georg, wenn Du so weitermachst kannst Du ohne Problem am nächsten „Stoamandl Worldcup“ teilnehmen ( das letzte wuerde auch als Stoamandl Christbaum durchgehen 🎄). Und Monikas Fotos sind eh unerreicht !
    Liebe Gruesse Doris & Josef, Matthias, Lena & Julius

  2. Hallo Monika, hallo Georg,
    wow…On-Road Fahren/Stoamandl-Bauen -> next level 🙂
    Die Lieblingsbilder sind immer wieder cool, macht wieder viel Spaß zum anschauen und lesen und euch sicher beim fotografieren.
    Die warmen Temperaturen um Weihnachten rum haben sicher auch was besonderes für sich und erinnern mich an letztes Jahr Hawaii – in diesem Sinn „Mele kalikimaka“ – schöne Weihnachten von uns allen, Prost und ausreichend Bier (statt Glühwein)

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